Billard-(Sport)-Psychologie

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OscarTheFish(p@k)
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Billard-(Sport)-Psychologie

Beitrag von OscarTheFish(p@k) »

Die mentale Seite des Sports - auch des Billards - wird allzu gern vernachlässigt. Der Fokus liegt meist auf der Technik und beim Billard z.B. auch auf der Selektion des eigenen Materials.

Matcherfahrene Spieler (ob mit Anleitung oder durch eigene Feststellungen) werden registrieren, dass es einige Marker gibt, an den man als Spieler oder als Zuschauer registrieren kann, wer selbstbewusster und damit dominanter im Spiel auftritt.

Ein weniger offensichtlicher Marker ist z.B. das Spieltempo. Der selbstsichere Spieler neigt eher dazu, sein Tempo am Tisch zu etablieren, während der vorsichtigere sich vorzugsweise an die Spielweise des anderen anpasst. Das zeigt sich besonders, wenn die Diskrepanz der psychologischen Rollenverteilung deutlich (wahrnehmbar) ist. Weniger erfahrene Spieler sind hektischer und zappeliger am Tisch und haben weniger stabile Routinen für die Vorbereitung auf den nächsten Stoß (Fokus, Konzentration). Passt sich dieser an die fokussierte Spielweise des Erfahrenen und technisch Versierten an, kann er der schwächere Spieler innerhalb der Partie bessere Leistungen am Tisch zeigen, weil er am Modell des Erfahreneren schnell lernt (zumindest vorübergehend) und dazu neigt, ihn zu imitieren. Der dominantere Spieler konzentriert sich mehr auf sich und baut sein Wohlfühltempo auf. Ausgeglichene Spielniveaus fördern das vorsichtigere Abtasten.

Meiner Beobachtung nach spielen weniger strukturierte Spieler auch schlechter gegen schlechte Gegner und können durchaus deutlich besser werden, wenn sie mit einem erfahrenen Spieler am Tisch spielen. Das ist u.a. der Grund, warum es so wichtig ist, deutlich bessere Spielpartner zu wählen, um beschleunigter Fortschritte machen zu können. Für starke Spieler kann es zwischendurch erholsam sein, einen schwächeren Aufbaugegner zu haben, um ein angeschrammtes Selbstbewusstsein wieder zu glätten oder andere Strategien bzw. höhere Risiken im Spielverlauf einzugehen, um diese in der geschützten Praxis zu prüfen.

In der Matchpraxis kann dieses Phänomen (der Anpassung des schwächeren Spielers an den stärkeren) dazu führen, dass ein schwächerer überraschend gewinnen kann. Um das zu verhindern, kann man dazu übergehen, als erfahrenerer Spieler das Tempo taktisch zu verändern, um den Gegner aus dem Rhythmus zu bringen. Bei Spielern, die regelmäßig stark anfangen und ab einer gewissen Zeit deutlich nachlassen (Konzentration etc.), kann man z.B. langsam und "kompliziert" (mit zahlreichen Aufnahmewechseln) spielen, sodass man mit Geduld den Schwierigkeitsgrad für sich im Verlauf zum Vorteil senken kann.
Der geschulte und differenziert denkende Spieler kann aber den anfangs beschriebenen Dominanzvorteil in der Tempovorgabe nutzen, um den talentierten, jedoch weniger erfahrenen Spieler aus dem Rhythmus zu bringen.

Gibt es im Forum einschlägige anekdotische Berichte, die das stützen oder wiederlegen? Ich rege zu einem Austausch über psychologisch Tricks, die in der Praxis ein Spiel in die eigene Richtung lenken können, an.
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joshua70
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Re: Billard-(Sport)-Psychologie

Beitrag von joshua70 »

Dominante Erscheinung und dominantes Verhalten können sich stark ähneln.
Ich kann schon nacht recht kurzer Zeit einschätzen, auf welchem sich ein Spieler befindet. Nicht an der Zahl gelochter Bälle, sondern durch welche Wege er von A nach B gelangt und ob er C und D auch schon ins Kalkül zieht, wenn sie sich nicht automatisch anschließen.
Die Selbstsicherheit kommt, wenn man nicht oder nur selten "raten" muß. Sowohl den Zielpunkt, als auch den eingeschlagenen Weg. Das käßt einen automatisch weniger "zappeln", weil es weniger Bälle gibt, die einen verunsichern. Das bedeutet nicht, dass solche Spieler fehlerfrei spielen- das schafft nicht mal Joshi Filler, Gorst oder SvB. Aber die Fehler kommen nicht aus strukturellen Defiziten, sondern weil sie keine Roboter sind.

Wer also im Kopf für jede Situation Optionen hat, wird sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen, wie jemand, der auf Spielsituationen in der (engeren) Komfortzone angewiesen ist, um erfolgreich zu sein. Hinzu kommt, dass man sich über seine Technik auch vom Material uunabhängiger machen kann. Gerade effetintensivess Spiel macht einen sehr angreifbar auf fremdem Material.

Im Umkehrschluss: (nicht aufgesetztes) dominantes Verhalten (Selbstsicherheit) kommt von Selbstvertrauen, dass man sich vorher im Training aufgearbeitet hat. Selbstdisziplin zeigt, wer nicht zeigen muß, was er kann, sondern was die größtmögliche Erfolgsaussicht hat. Je größer die Komfortzone (je mehr Optionen man abrufbereit hat), desto selbstsicherer und dominanter kann man auftreten. Dominant wirkende Spieler sehe ich häufiger beim Aufnahmewechsel.

Ein guter Spieler ist sich übrigens dessen bewußt, dass er immer auch gegen einen deutlich schwächeren Spieler verlieren kann. Meist ist das eine Mischung aus Sorglosigkeit, Unbekümmerheit und dann plötzliche unerwartete Enge, die dann verkrampfen läßt. Es folgen Klapperbälle, bad- rolls und zack, hat man verloren.

Ein richtig guter Spieler wird deshalb niemanden unterschätzen, wenn es um was geht.

Meine Vorbilder in dieser Sache sind Benjamin Baier (Queue Hamburg) und John Blacklaw (GVO Oldenburg), die aus 2 Gründen (gefühlt) immer das maximal mögliche geben: 1. weil sie ihre Gegner nicht unterschätzen und 2. weil sie Respekt vor den Gegnern haben, sie nicht vorführen wollen und Sportsmanship vorleben. Die sind nicht über- sondern erheblich.
Alles eine Frage des Glaubens. Ich glaube... ich nehm noch n Bier...
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tintin
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Re: Billard-(Sport)-Psychologie

Beitrag von tintin »

Ja, einiges davon kann ich bestätigen.
Folgendes hat sich zugetragen und ich bin Zeuge, denn ich habe die Partie selber gespielt. Nämlich gegen einen Gegner, der schon seit Erfindung des Rades in den unteren Ligen zu Hause ist und darum ein solides Grundkönnen besitzt, aber eben auch nicht mehr. Es war 10-Ball auf 8 und ich führte dann verdient mit 7:2, was irgendetwas in ihm veränderte, denn ab dem Moment hat er für den Rest des Satzes nur noch einen Ball verschossen, die 10 die aber leider Safe liegen blieb. So endete der Satz tatsächlich 7:8 aus meiner Sicht.
Zum Glück kann ich auch weiteres aus dem Eingangspost bestätigen, denn ich durfte mir in der Rückrunde des Spieltages meinen Ärger von der Seele spielen und im 9-Ball dragoesk binnen 20 Minuten mit 7:0 davon zu sprinten.
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Re: Billard-(Sport)-Psychologie

Beitrag von TimDo »

Tatsächlich gibt es zu dem Thema ein (nach meiner Meinung) sehr gutes eBook von Detlef Lührig. Dieses ist im Internet kaum noch zu finden, befindet sich aber in meiner Sammlung. Da der Autor ausdrücklich die unkommerzielle Verteilung des eBooks genehmigt, stelle ich es euch hier zur Verfügung. Seine Webseite existiert leider schon lange nicht mehr. Es hat nur 60 Seiten und meiner Meinung nach einen absoluten Mehrwert.

Kurze KI-Zusammenfassung:
In seinem Werk „Billard Psyche“ zeigt Detlef Lührig, dass die größte Herausforderung im Billard nicht am Tisch, sondern im Kopf des Spielers liegt. Das Dokument bietet einen faszinierenden Einblick in die Psychologie des Sports und richtet sich an alle, die ihr Spiel durch mentale Stärke auf das nächste Level heben wollen.

Hier sind die zentralen Gründe, warum dieses Dokument lesenswert ist:

Das „Innere Spiel“ meistern: Lührig erklärt, dass jedes Spiel aus einem äußeren Kampf gegen den Gegner und einem inneren Kampf gegen Selbstzweifel, Nervosität und Konzentrationsschwäche besteht.

Selbst 1 vs. Selbst 2: Erfahren Sie mehr über das spannende Konzept der zwei „Selbst“: Während „Selbst 1“ (der Verstand) oft mit unnötigen Anweisungen und Kritik stört, ist „Selbst 2“ (der Körper/das Unbewusste) der eigentliche „Macher“, der zu erstaunlichen Leistungen fähig ist, wenn man ihn nur lässt.

Mühelose Anstrengung: Das Dokument räumt mit dem Vorurteil auf, dass man sich nur „fest genug anstrengen“ müsse. Stattdessen wird gezeigt, wie man durch „entspannte Konzentration“ und das Ausschalten des bewussten Denkens in einen Flow-Zustand gelangt, in dem schwierige Stöße wie von selbst gelingen.

Praktische Methoden: Neben theoretischen Grundlagen bietet der Text konkrete Methoden zur Programmierung von „Selbst 2“ – etwa durch Visualisierung von Bildern statt durch komplizierte Worte.

Übertragbarkeit auf das Leben: Die Siege im inneren Spiel führen nicht nur zu mehr Erfolg am Billardtisch, sondern bieten wertvolle Erkenntnisse für alle Lebensbereiche.

Lührig bricht komplexe psychologische Konzepte (basierend auf W. Timothy Gallweys „The Inner Game“) auf die Praxis des Billardsports herunter. Es ist eine Pflichtlektüre für Spieler, die sich oft fragen: „Warum tue ich nicht das, was ich eigentlich weiß?“.
Vielleich ist es ja auch für jemanden von euch eine Bereicherung :zwi:

Sollte Herr Lührig sogar selbst hier anwesend sein, möchte ich mich hiermit bei Ihm bedanken. :zuf:

Gruß
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